Das Ding mit dem Stillen

In der Schwangerschaft habe ich mir keinerlei Gedanken über das Stillen gemacht. Ich war mir sicher, dass das funktioniert. Das alles problemlos klappern wird. Denn je mehr Gedanken man sich macht, desto unsicherer wird man innerlich. So war zumindest meine eigene Logik.

Denn jede Frau kann stillen, und wenn sie sagt “Nein, es klappte nicht“, dann liegt das in der Regel an der falschen Beratung und zu wenig Hilfe. Nie hätte ich gedacht, dass ich auch einmal zu diesen verzweifelten und völlig verunsicherten Müttern gehören würde. Schließlich ist es das dritte Stillkind – da kann mir doch eigentlich keiner was neues erzählen.

Denkste.

Durch den Umzug habe ich vor Ort keine Hebamme mehr gefunden, was mir nicht so viel ausgemacht hat, da es eben nicht das erste Kind war. Nach der Geburt wurde mir dann von Krankenhaus doch noch eine Hebamme vermittelt und ich dachte “Och ja, warum eigentlich nicht“. Ich werde hier sicher zu gegebener Zeit nochmal darauf eingehen – auf Twitter hat der ein oder andere sicherlich von dieser katastrophalen Frau mitbekommen.

Jedenfalls ging es so etwa vor vier Wochen los, dass der Padawan beim stillen schnell unruhig wurde und schimpfte. Ich habe mir da erst keinen Kopf gemacht, wird eine Phase, ein Schub oder ein schief sitzender Pups sein und morgen ist das wieder weg. War es aber nicht. Er trank eine Minute und fing dann an zu meckern. Nuckelte wie wild und fing dann an sich in Rage zu schreien. Ich begann wechselseitiges Stillen, also möglichst oft zwischen den Seiten wechseln. Ich habe alles an Stillpositionen ausprobiert, was mir einfiel. Ich versuchte mich zu entspannen. Nichts half. Der Padawan schimpfte beim stillen. Jedes Mal. So langsam schwirrte in meinem Kopf der Gedanke, dass er vielleicht nicht genug Milch bekam. Ich packte die Milchpumpe aus und begann zu pumpen. Sonst bekam ich 150ml immer ziemlich zügig zusammen. Diesmal waren es in 30 Minuten nur klägliche 10. Über den ganzen Tag brachte ich es auf 30. Ich redete mir ein, dass das ja nichts zu heißen hat. Aber ganz tief in mir schrillten Alarmglocken. Gut, die Hebamme wollte ja die Tage nochmal kommen. Ich nahm mir vor die zu fragen.

Sie schaute sich das Anlegen kurz an – das war alles okay. Sie schon das Gemecker auf Blähungen. Ich solle bloß nicht öfter wie alle drei Stunden anlegen, falls er öfter hunger hat Wasser anbieten. (NICHT MACHEN! Dies ist eine absolute Fehlinformation!!!! Immer anlegen!)

Ich dachte mir meinen Teil, denn ich wusste, dass es keine Blähungen waren. Ich wusste insgeheim, dass der Fehler irgendwo beim Stillen liegt. Dann der Schock: als wir den Padawan wogen hatte er in knapp einer Woche etwa 200 Gramm abgenommen. Ich geriet innerlich in Panik. Das Stillen MUSS doch klappen. Warum funktioniert das denn nicht? Wieso kann ich meinem Baby nicht geben, was es braucht?

Es war Freitag. Ich gab mir über das Wochenende Zeit von alleine irgendwie die Milchproduktion anzukurbeln. Ich besorgte alles an Stilltees, was ich finden konnte, kaufte Malzbier, Fasbrause und lauter Getränke denen eine milchbildende Wirkung nachgesagt wurde. Ich legte den Padawan so oft wie möglich an, pumpte zusätzlich.

Nichts wurde besser.

Montags telefonierte ich mit einer Stillberaterin der La Leche Liga. Wir sprachen vieles durch, ich war nervlich total am Ende. Ihre erste Aussage, nach meinen Schilderungen (Abnahme, nicht genügend Pipi Windeln und viel Schlaf) war: “Sie sollten unbedingt zufüttern“.

Uff, das saß. Ich brach in Tränen aus. Ich war am Boden zerstört. Wollte ich doch auf Teufel komm raus wenigstens eine schöne Stillbeziehung zum Padawan haben, wo doch alles andere einfach nicht so ist, wie es sein sollte. Jetzt wurde mir das also auch noch genommen. Wo ich das Stillen doch so sehr bräuchte, auch für die Bindung zwischen uns. Sie gab mir noch einige Ratschläge und Tipps an die Hand und wir verabredeten uns noch für den nächsten Tag.

Da ich absolut keine Ahnung hatte, was man zum zufüttern so braucht, welche Nahrung man nimmt und überhaupt, was ist denn wichtig – fragte ich auf Twitter und bekam ganz schnell viele hilfreiche Antworten. Wir fuhren also kurz darauf in den dm um das ganze Zeug zu kaufen. Vor dem Regal mit dem Milchpulver versuchte ich mich durch schimpfen und schlecht reden der ganzen scheiß künstlichen Babymilch von der nächsten Heulattacke abzulenken, die drohte mich mitten im Laden zu überrollen. Um ein halbes Vermögen leichter und immer noch unzufrieden, mit Selbstzweifeln kämpfend und völlig überfordert mit der Situation, machten wir uns auf den Weg nach Hause.

Der Gedanke, dass ich meinem Baby nicht das natürlichste auf der Welt geben kann, dass es nicht reicht, dass es nicht wächst – macht mich fertig und lässt mich das Vertrauen in meinen Körper verlieren. Mir schießen Studien von nicht gestillten Kindern in den Kopf, die eher zu Übergewicht neigen, die angeblich nicht so intelligent sind und überhaupt ist künstliche Milch furchtbar.

Das ist nun knapp zwei Wochen her. Ich kämpfe nach wie vor ums stillen – mal klappt es gut, mal nicht so gut. Wir sind im Teufelskreis des Zufütterns gefangen und ich habe keine Ahnung, wie wir da wieder raus kommen sollen. Ich habe mittlerweile so viel ausprobiert. Ich kann nicht mehr. Aber ich will auch nicht aufgeben. Ich will auf Teufel komm raus um diese Stillbeziehung kämpfen. Doch wahrscheinlich liegt genau hier der Hase begraben.

Ich bin es doch dem Padawan schuldig, dass ich kämpfe. Dass ich mich durchboxe. Für ihn. Für mich. Für uns.

Und so dreht der Teufelskreis munter seine Runden.

Ein Kommentar

  1. Liebe Frau Skywalker, mir tut das richtig weh, Ihre Verzweiflung zu lesen. Der Padawan hat doch überhaupt nichts davon, wenn Sie sich so fertig machen. Meine Kinder sind liebevoll mit Flasche groß geworden, muss ich mich deswegen als schlechte Mutter fühlen? Sie sind gesund, sie sind intelligent ;), sie sind tolle Menschen und wir haben das beste Verhältnis zueinander. Auch mit Flasche zwingt man einem Kind doch nicht gegen seinen Willen Essen rein, sondern füttert nach Bedarf, auch die Flaschenfütterung kann man zu einem innigen Moment machen.
    Alles wird gut!
    Liebe Grüße von Ilsa

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