Ein Brief an den Padawan

Heute schreibe ich dir etwas, das mir wirklich sehr am Herzen liegt. Du wirst es wahrscheinlich erst in einigen Jahren verstehen, aber ich will, dass du weißt, dass mir dieses Thema immer wichtig war und sein wird.

Uns geht es in unserem Land sehr gut, das steht völlig außer Frage. In der Theorie hat hier nahezu jeder ein Dach über dem Kopf, niemand muss hungern. Auch wir zwei, du und ich, wir haben eigentlich alles was wir brauchen – zwar nicht viel, aber es reicht. Wir können so gut leben. Wir müssen keine Angst haben, wir haben immer etwas zu essen und wir sind gesund oder haben eben die Möglichkeit zum Arzt zu gehen. Aber es gibt so viele Menschen auf der Welt, die dieses Glück nicht haben. Nicht jedem Land geht es gleich gut. Da gibt es neben den wunderschönen Flecken auf dieser Erde auch ganz viel Leid, Krieg und auch Tod. Die Menschen haben Angst, fürchten um ihr Leben und weil sie solche Angst haben, verlassen sie ihr Zuhause um sich ein neues Zuhause zu suchen. Sie wissen, dass man hier bei uns gut leben kann – deswegen machen sie sich auf den Weg zu uns. Sie nehmen nur so viel mit, wie sie tragen können. Stell dir vor, du müsstest weg und dürftest nur 5 Sachen mitnehmen – wäre das nicht schrecklich? Du müsstest deine Freunde hinter dir lassen, siehst sie vielleicht nie wieder. Und du weißt, dass der Weg sehr gefährlich ist, dass immer wieder viele Menschen währenddessen sterben.

Nun sind in den letzten Jahren sehr viele dieser Menschen zu uns gekommen. Das würden wir doch auch so machen, oder nicht? Wir merken davon im Alltag nicht wirklich etwas. Natürlich sieht man vielleicht hier und da vielleicht öfters einen Menschen mit einer anderen Hautfarbe – aber vielleicht lebt gerade dieser schon sein ganzes Leben hier? 
Diese Menschen sind hier her gekommen, weil sie in ihrer Heimat Angst haben mussten. Angst, dass vielleicht jemand kommt und ihnen sehr weh tut, oder sie oder jemand anderen aus der Familie tötet. Viele wollen nur übergangsweise hier bleiben, bis sie wieder zurück können, bis sich die Lage in ihrem Land beruhigt hat und sie weniger Angst haben müssen. Einige werden hier bleiben, aber ist das wirklich so schlimm?

Viele Menschen in Deutschland denken, dass die Geflüchteten eine Bedrohung sind. Das sind alles Kriminelle, die Menschen umbringen. Das sind Schmarotzer, die auf unsere Kosten leben wollen. Sie nehmen uns die Jobs und die Wohnungen weg. Sie nehmen unsere Steuergelder! 
Aber ist das wirklich so? Das Ganze nun zu widerlegen, würde hier den Rahmen sprengen – deswegen sei dir sicher: dem ist nicht so. Uns geht es nach wie vor super in unserem Land. Niemand hat weniger Geld und es wurden nicht mehr Menschen umgebracht.
Schwarze Schafe gibt es überall. In jedem Land. In jeder Kultur. Die meisten Menschen, die hier herkommen, sind toll. Sie sind dankbar. Sie wünschen sich, dass sie aufatmen können. Dass sie keine Angst mehr haben müssen.

Doch leider müssen sie erst recht Angst haben, wenn sie hier sind. Dabei haben sie niemandem etwas getan. 
Ach Padawan, ich hoffe sehr, dass sich die Lage hier bei uns bald wieder entspannt, aber es scheint nicht so auszusehen. Deswegen ist es mir so wichtig, dass du weiterhin allen Menschen gegenüber offenherzig bist. Dass du jeden Menschen akzeptierst, egal wie er aussieht, an was er glaubt oder wen er liebt. Es ist in Ordnung, dass es andere Meinungen gibt – diese zu akzeptieren und zu tolerieren ist manchmal sehr schwer, ja. Aber das lernt man mit der Zeit. Auch ich muss das in manchen Situationen noch lernen. Das ist aber in Ordnung. Man lernt sein ganzes Leben lang dazu.

Aber diese Menschen hier, die Nazis, wie wir sie nennen, die sind eine wirkliche Gefahr für uns. Sie verbreiten Lügen, Hass und sind leider oft gewaltbereit. Doch die Extremen, die sind nur die Spitze vom Eisberg – das was unter der Wasseroberfläche liegt, ist der viel größere Teil.
Das sind die Mitläufer. Die Menschen, die sich von der Angst anstecken lassen. Die Menschen, die glauben, was ihnen da erzählt wird, sich im Gegenzug keinerlei andere Meinung einholen, Studien lesen oder selbst mal recherchieren. Es ist die große, breite Masse der Mitläufer. Die Menschen, die nachplappern und nicht in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Gegen diese Menschen, gegen diese Bedrohung, müssen wir uns wehren kleiner Padawan. Und das machen wir am besten mit Worten, Liebe, Toleranz und Respekt. Das es Menschen gibt, die man nicht leiden kann, das ist vollkommen normal, das darf auch so sein. Aber es sollte dabei keine Rolle spielen, welche ethnische Herkunft dieser Mensch hat. Oder was er glaubt. Nur weil ich nicht an Gott glaube, heißt das noch lange nicht, dass ich nicht mit einem Priester befreundet sein kann. Im Gegenteil. Unterschiedliche Standpunkte und Meinungen können Gespräche sehr bereichern und dir andere Perspektiven aufzeigen – es ist kein Zeichen von Schwäche seine Meinung zu ändern.

Aber zurück zu den Nazis und worum es mir eigentlich geht. Ich wünsche mir, dass wir etwas tun, gegen diese Menschen, die Hass und Angst verbreiten. Denn sie lügen. Wir müssen ihnen sagen, dass wir ihre Meinung scheiße finden. Ja, wir dürfen sie sogar manchmal beschimpfen. Das ist in Ordnung. Und es mag vielleicht auch komisch sein, dass ich einerseits sage, dass du bitte die Menschen so annehmen sollst, wie sie sind, und auf der anderen Seite sage ich, dass Nazis total doof sind und sie hier nichts zu suchen haben. Aber das hat eben etwas mit Akzeptanz zu tun – die Nazis leben leider diese Werte nicht. Sie sind nicht tolerant. Sie haben nur Hass in sich und verbreiten den. Und das ist nicht in Ordnung. Dagegen müssen wir uns wehren. Und wann immer wir die Möglichkeit haben, müssen wir das tun. Damit sie sehen, dass wir viel mehr sind. Dass sie keine Chance gegen unsere Liebe und unsere Offenheit haben. 

Ich weiß nicht, ob wir die festgefahrenen Meinungen in all diesen Köpfen ändern können.
Aber weißt du, was wir machen können? Wir können den Kindern dieser Menschen zeigen, dass wir alle nur Menschen sind. Ihnen zeigen, dass Freundschaft, Respekt, Liebe und Toleranz die wirklich wichtigen Werte sind. Dass verschiedene Kulturen eine Bereicherung sind. Dass wir so viel von allen anderen Menschen lernen können. Dass wir offen gegenüber Neuem sein sollten. Dass Veränderung gut sein kann.

Wir dürfen die Kinder von Nazis nicht ausschließen – ganz im Gegenteil. Auch wenn es furchtbar schwierig ist, sich möglicherweise mit diesen Menschen zu umgeben und ich das ja eigentlich gar nicht will. Wir müssen die besseren Menschen sein. Wir sollten ihnen, und insbesondere den Kindern, zeigen, wie wunderbar eine bunte Welt sein kann. 

Vielleicht können wir die Welt nicht retten, kleiner Padawan. Aber wir müssen es wenigstens versuchen.

Do or do not
There is no try

Yoda

Ich hab dich lieb!

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